Angenommen, der Kanton Graubünden würde den Grossen Rat nicht im Majorzsystem wählen, sondern im Proporz: Wie würde die Politlandschaft aussehen? Zum Blogbeitrag.

Nationalratsproporz

Zusammenfassung der Sitzgewinne und -verluste
Gesamtes Modell mit Parteistärke und Zuteilungsverfahren

Ansatz:

  • Daten der Nationalratswahlen 2015, Parteistärke nach Kreis
  • Heutige Wahlkreise, d.h. 39 Wahlkreise mit 1 bis 20 Sitze im Grossen Rat
  • Berechnung der Sitzzuteilung nach Hagenbach-Bischoff-Verfahren (SR 161.1, Art. 40 und 41)
  • Wahlhürden ergeben sich pro Kreis nach den zu vergebenden Mandaten
  • Die Jungparteien werden den Mutterparteien zugerechnet, was realistisch ist
  • Es werden keine Listenverbindungen o.ä. berücksichtigt, da unklar ist, wie diese in den Kreisen entstehen würden

Vorteile:

  • Bekanntes System und Verfahren, pro Kreis intuitiv
  • Mit Listenverbindungen: Allianzen der Parteien können neu zu Verschiebungen in kleineren Kreisen führen, wo eine Partei zwar dominiert, aber nicht selbst die Mehrheit stellt

Kritik:

  • Nach Bundesgericht kaum mit den heutigen Wahlkreisgrenzen umsetzbar (nicht verfassungskonform)
  • Bevorzugt arithmetisch grössere Parteien bei der Restmandatsverteilung, somit eine neue Quelle für Verzerrung

Doppelter Pukelsheim

Zusammenfassung der Sitzgewinne und -verluste
Gesamtes Modell mit Parteistärke und Zuteilungsverfahren

Ansatz:

  • Daten der Nationalratswahlen 2015, Parteistärke nach Kreis
  • Heutige Wahlkreise, d.h. 39 Wahlkreise mit 1 bis 20 Sitze im Grossen Rat
  • Es werden keine Wahlhürden aufgestellt (=Mindestquorum)
  • In jedem Kreis kriegt die stärkste Partei garantiert den ersten Sitz zugeteilt (Majorzgarantie)
  • Die Jungparteien werden den Mutterparteien zugerechnet, was realistisch ist (theoretisch wären Sitzgewinne zwar möglich, sie müssten aber kantonsweit antreten)
  • Es werden keine Listenverbindungen o.ä. berücksichtigt, welche im Doppelten Pukelsheim meist nicht vorgesehen sind

Vorteile:

  • Die stärkste Partei gewinnt im Kreis: intuitiv, ‚gerecht‘ in Einerwahlkreise
  • Proporz über Gesamtkanton gleicht ‚einfache‘ Sitzgewinne in kleinen Kreisen aus, Parteistärke im Parlament entspricht Parteistärke in der Wahlbevölkerung
  • Anders als beim Nationalratsproporz wäre es theoretisch1 machbar, die heutigen Wahlkreise beizubehalten. Die Stimmkraft pro Kreis bleibt verletzt, dafür führt sie ’nur‘ zu einer regionalen Überrepräsentation, nicht zu einer ideologischen Verzerrung

Kritik:

  • ‚Kompliziertes‘ Wahlsystem, da nicht sofort klar ist, wer im Kreis den Sitz gewinnt (Gegenargument: dafür sind keine intransparenten Listenverbindungen möglich, was einen Nationalratsproporz gleichermassen intransparent macht)
  • Trotz Majorzgarantie ist eine gegenläufige Sitzverteilung in grösseren Kreisen weiterhin möglich (Partei mit weniger Stimmen macht mehr Sitze), da Majorzsitze korrigiert werden

Endnoten   [ + ]

1. Siehe dazu die Rechtssprechung des Bundesgerichts, BGE 136 I 376.