Die Wahlen 2015 versprechen im Kanton Graubünden einen interessanten Wahlsonntag: schaffen die Grünliberalen es, ihren Sitz zu verteidigen? Erobert die SVP einen zweiten Sitz? Wird Martullo-Blocher die vierte bürgerliche Vertretung in Bern, oder kommt die FDP wieder zum Zug?

Vieles hängt von den Listenverbindungen zwischen den Parteien ab, welche aber aktuell das wohl bestgehütete Geheimnis Politbündens sind und erst im August der Öffentlichkeit kommuniziert werden. Der erste Schritt jeder Partei kann eine ungewollte Kettenreaktion auslösen, sodass alle vorerst lieber abwarten als vorpreschen.

Dafür sind die Listen der Parteien mittlerweile bekannt. Von ein paar möglichen NachzüglerInnen abgesehen steht somit das Kandidierendenkarussel für die Bündner fünf Sitze im Nationalrat. Zeit also, die neuen Listen mit den alten zu vergleichen und eine erste Auswertung zu wagen, wie attraktiv die Listen dieses Jahr sind. Versucht werden soll dies anhand der Panaschierstatistik 2011, also die Stimmenwanderung zwischen den Parteien.

Panaschierstatistik der Nationalratswahlen 2011 / Graubünden
Grafik 1: Stimmengewinne und -verluste der Parteien nach Herkunft

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Die erste Grafik zeigt, wie die Parteien einander bei den Wahlen 2011 Stimmen abgejagt haben, welche Parteien mehr von einander profitierten, welche Partei mehr verloren als gewonnen hat (es ist dies nur die EDU). Die Grafik zeigt für alle Parteien folgendes: erstens, auf der linken Seite der Darstellung ist die Herkunft der Stimme, d.h. welche Parteibezeichnung auf dem Wahlzettel zuoberst steht. Zweitens, auf der rechten Seite der Darstellung sind die Stimmen aufgeführt, welche einer Partei im Schlussresultat zugezählt wurden, d.h. die Parteistärke welche für die Sitzverteilung relevant ist. Die Verbindungen zwischen den Anteilen links und rechts sind schliesslich die Stimmwanderungen, d.h. wieviele Parteistimmen die eine oder andere Partei der jeweils anderen abgejagt hat. Im Block ohne Listenbezeichnung sind alle Wahlzettel berücksichtigt, welche keine Parteibezeichnung tragen, leere Stimmen sind weiter nur bei diesen Wahlzetteln möglich, da leere Linien auf einem Wahlzettel mit Parteibezeichnung auch als Parteistimmen gezählt werden.

Am meisten Bewegungen zeigt die BDP als zweitstärkste Partei, die sowohl viele Stimmen verliert, insbesondere in der Mitte an FDP und CVP, aber auch viele ohne Listenbezeichnung wieder gewinnt. Die FDP verliert vor allem an die BDP und SVP Stimmen, bei der SP und GLP zeigt sich ein gegenseitiger Austausch der Stimmen, der wohl auch dank der Listenverbindung vor vier Jahren so ausgeprägt ist. Ein ähnliches Muster zeigt sich zwischen SP und Verda, die einander ebenfalls einige Stimmen zuschanzen. Wer mit der Maus über die Blöcke und Linien fährt, sieht die jeweilige Stimmenanzahl sowie woher diese kommen und wo diese schliesslich zum Schlussresultat beigetragen haben.

Panaschierstatistik der Nationalratswahlen 2011 / Graubünden
Grafik 2: Stimmengewinne und -verluste der Parteien zusammengefasst

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Es fällt auf, dass mit Ausnahme der EDU alle Parteien (mehrere Parteilisten und Jungparteienlisten jeweils zusammengefasst) dank Panaschierstimmen zugelegt haben. Zusammengefasst dargestellt zeigt Grafik 2 die Stimmverluste (unter dem Nullpunkt), die Stimmgewinne (über dem Nullpunkt) sowie die Netto-Stimmenveränderung (der weisse Punkt). Zugelegt haben die Parteien insbesondere dank der Panaschierstimmen auf Wahlzettel ohne Listenbezeichnung, d.h. die Blankoliste.

Netto am stärksten zugelegt hat die FDP, was aber im Anschluss nicht für die Verteidigung des Sitzes von Tarcisius Caviezel genügte. Am schwächsten von den Parteien mit einem Sitz im Nationalrat hat die BDP abgeschlossen, welche netto zwar auch zugelegt hat, allerdings deutlich am meisten Stimmen verloren hat. Gewinne und Verluste der Parteien ermöglichen es uns, eine Aussage über die Attraktivität einer Liste und der Loyalität der ParteisympathisantInnen zu machen. Um den Zahlen eine bessere Vergleichbarkeit zu geben, können die Panaschierverluste und -gewinne im Anteil an die veränderten Wahlzettel angeschaut werden.

Panaschierstatistik der Nationalratswahlen 2011 / Graubünden
Grafik 3: Attraktivität der Listen und Loyalität der Wählerinnen und Wähler

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Ähnlich umgesetzt wie für die Kantonsratswahlen 2015 in Zürich (Moser 2015) sind in Grafik 3 die Gewinne und Verluste per 100 veränderte Wahlzettel dargestellt, d.h. es wird berücksichtigt, dass die grösseren Parteien auch einen höheren Stimmzufluss haben (die Kreisgrösse stellt die Wurzel der Parteistärke dar). Bei der Attraktivität wird aufgezeigt, dass die BDP und die SVP die zwei attraktivsten Listen hatten, d.h. sie haben pro hundert fremde Wahlzettel am meisten Panaschierstimmen erhalten. Gleichzeitig ist die SVP auch die Partei mit den diszipliniertesten ParteianhängerInnen, d.h. pro hundert eigene Wahlzettel sind am wenigsten Stimmen an anderen Parteien verloren gegangen. Eine loyale Parteibasis hat ebenfalls die CVP, deutlich Mühe haben die zwei grünen Parteien Verda und Grünliberale, welche sowohl tiefe Werte der Attraktivität wie auch der Loyalität haben.

Wie lassen sich jetzt Parallelen zur Wahl 2015 ziehen? Erstens, bereits 2011 hat die SVP sehr attraktive Listen präsentiert, was mit dem Coup um Martullo-Blocher wohl weiter gesteigert werden kann. Die neue Spitzenkandidatin kann mit vielen Stimmen aus dem bürgerlichen Lager und dem FDP-Lager rechnen. Eine hohe Loyalität ist auch denkbar wenn eine Debatte (Martullo-)Blocher vs. Widmer-Schlumpf angestrebt wird, da diese Kontroverse eher zu Geschlossenheit und Abgrenzung führen wird. Die Parteistrategen der SVP sind also auf dem richtigen Weg, um zwei Sitze zu erzielen.

Zweitens, bei der BDP und der FDP zeigt sich ein deutliches Problem, da die Attraktivität stark durch die bisherigen Kandidierenden (Caviezel und Hassler) gegeben war. Diese Panaschierstimmen der Bisherigen gilt es zu kompensieren. Eine zusätzliche Herausforderung für die BDP ist die tiefe Loyalität, wo sich ein Potential zu einer stärkeren Geschlossenheit zeigt. Die FDP tritt zum Erhalt ihrer Attraktivität mit zwei Listen an, was allerdings nicht einfach zu einer Verdoppelung der Stimmen führt; da eigene ParteianhängerInnen doppelt so viele Kandidierende zur Auswahl haben, verteilen sich diese Stimmen innerhalb der Partei umso mehr. Die Herausforderung bei dieser Taktik ist es weiter, die eigenen Kandidierenden den WählerInnen der anderen Parteien näher zu bringen, damit tatsächlich ein starker Stimmenzuwachs erreicht wird (was beispielsweise bei der SP und der Zwei-Listen-Strategie 2007 nur mässig geklappt hat). BDP und FDP sind also gefordert, die neuen Köpfe genügend bekannt zu machen.

Und schliesslich drittens, die Grünliberalen müssen, um ihren Sitz zu erhalten, sowohl die Loyalität wie auch die Attraktivität steigern. Wie bei der BDP sind die Panaschierstimmen vor allem durch den Spitzenkandidaten gesammelt worden. In Anbetracht der Kritik beidseits des politischen Systems zeigt sich hier – anders als bei der SP mit quasi derselben Liste und der CVP mit ähnlicher Ausgangslage wie 2011 – die grösste Herausforderung für eine Partei in diesem Wahlherbst. Dass eine voll gefüllte Liste (statt nur 4 Kandidierende im Jahr 2011) präsentiert werden konnte, ist der erste, aber nur kleine Schritt zum Erhalt des Sitzes.