Clau Dermont

politikwissenschaftler, rumantsch, bergler

Partizipation: die jungen Frauen holen auf!

Als die VOX-Analyse nach der Masseneinwanderungsinitiative behauptete, dass sich nur 17 Prozent der jüngsten Stimmberechtigten an die Urne bemüht haben, wurde diese Aussage schnell mit „echten“ Partizipationsdaten korrigiert (siehe zum Beispiel in der NZZ). Diese Daten, gesammelt und publiziert beispielsweise vom Kanton Neuenburg und der Stadt Luzern, aber auch vom Kanton Genf und der Stadt St. Gallen, können aber nicht nur hinzugezogen werden, um die Partizipation an Wahlen und Abstimmungen genauer zu betrachten und so die VOX-Daten zu korrigieren.

Durch die Aufschlüsselung der Partizipation nach Alter und Geschlecht lässt sich weiter betrachten, wie weit beispielsweise der Gender Gap, d.h. die Lücke der Partizipation zwischen Frauen und Männer, heute noch ist. Dies und ein paar weitere Punkte möchte ich in diesem Beitrag aufgreifen, indem ich gleichzeitig eine neue Variante zur Visualisierung von Daten ausprobiere.

In den letzten paar Wochen habe ich mir die Zeit genommen, die d3.js Programmiersprache zu erlernen. Diese JavaScript Bibliothek kann genutzt werden, um Daten interaktiv zugänglich zu machen. Anders als fixe Grafiken können die interessierten LeserInnen selber Informationen aus diesen Visualisierungen herausholen, was somit ermöglicht, selber die Daten zu interpretieren.


Grafik in einem eigenen Fenster öffnen.

Die Visualisierung als Linienplot der Stimmbeteiligung nach Alterskategorie an sich ist keine Erneuerung. Schon eher die Möglichkeit zur Auswahl verschiedener Zahlenreihen (zwei politische Einheiten, absolute und relative Werte, für alle und nach Geschlecht getrennt) sowie die Möglichkeit, unterschiedliche Altersgruppen miteinander zu vergleichen, indem diese in der Visualisierung hervorgehoben werden. Die Daten können so aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, ein Kanton und eine Stadt miteinander verglichen werden, sowie die abgebildeten Zahlen direkt anzeigen zu lassen, wenn der/die LeserIn mit der Maus über die Grafik fährt.

Was ist an diesen Daten nun politikwissenschaftlich interessant? Insbesondere kann durch die Aufschlüsselung nach Alter und Geschlecht folgende Frage beantwortet werden:

Gibt es noch einen Gender Gap, und wenn ja, in welcher Generation zeigt sich dieser?

Um dies zu beantworten, soll zuerst beschrieben werden, wie sich die Partizipation nach dem Alter unterscheidet, um anschliessend weiter nach Geschlecht aufzuschlüsseln.

Alter

Sowohl in Neuenburg als auch in Luzern lässt sich beobachten, dass eine höhere Alterskategorien (d.h. ältere Bevölkerungsgruppen) im Normalfall auch eine höhere Stimmbeteiligung aufweisen. Dabei kann in U40 und Ü40 getrennt werden: Die Alterskategorien unter 40 haben meist eine tiefere Stimmbeteiligung als die Gesamtbevölkerung, die Alterskategorien über 40 eine höhere (siehe relative Stimmbeteiligung).

Ausnahme ist die älteste Kategorie der 80-jährigen und älteren. Diese hat relativ starke Schwankungen und passt nicht ins schöne Muster der steigenden Stimmbeteiligung in Abhängigkeit des Alters. Allerdings entspricht dies der These des Lebenszykluseffekts, d.h. dass die Stimmbeteiligung mit zunehmenden Alter zwar steigt, im höchsten Alter aber wieder fällt. So zeigt sich auch, dass die Generation der Stimmberechtigten mit 70 bis 79 Jahren fast durchgehend die höchste Stimmbeteiligung aufweist, welche im Schnitt mehr als 18 Prozentpunkte höher ist als die der Gesamtbevölkerung.

Bei den jüngeren Stimmberechtigten zeigt sich, das meist die 20- bis 29-jährigen die tiefste Stimmbeteiligung aufweisen. Die jüngsten mit 18 bis 19 Jahre weisen oft eine höhere Stimmbeteiligung als die 30-jährigen aus, in der Stadt Luzern zeigen sich für die jüngsten Stimmberechtigten zusätzlich deutliche Ausreisser (zum Beispiel haben 65.14 Prozent der 18- bis 19-jährigen bei der Masseneinwanderungsinitiative teilgenommen!). Gerade polarisierende Themen können Junge an die Urne locken, als Gegenbeispiel dient die 1:12-Initiative, welche die 18- bis 19-jährigen nicht zu mobilisieren vermochte, obwohl sie von einer Jungpartei lanciert und geprägt wurde. Es scheint, als ob die gerade mündig gewordenen Stimmberechtigten nach einer anfänglichen Euphorie ihr Interesse an der Politik eher verlieren und die Stimmbeteiligung der nächstälteren Gruppe auf ein tiefes Niveau fällt. Um eine höhere Stimmbeteiligung der jüngeren Generation zu erreichen muss also nicht Interesse geschaffen werden, sondern verhindert werden, dass ihr Interesse an der Politik verloren geht.

Geschlecht

Beim Geschlecht zeigt sich für den Kanton Neuenburg und der Stadt Luzern, dass quasi immer ein grösserer Anteil der Männer teilnimmt. Nur der Abstimmungssonntag mit der 1:12-Initiative und der Familieninitiative konnten im Kanton Neuenburg anteilsmässig mehr Frauen mobilisieren, wobei der „Vorteil“ mit 0.24 Prozentpunkten minimal ist. Frauen sind an der Urne somit immer noch anteilsmässig untervertreten, ob dies ein westschweizer Kanton oder eine innerschweizer Stadt ist.

Während in der Stadt Luzern die tiefere Stimmbeteiligung bei den Frauen unter 60 Jahren bei weniger als -4 Prozentpunkte Unterschied schwankt und bei den jüngsten Stimmberechtigten verschiedene Male anteilsmässig mehr Frauen teilgenommen haben, wird die Untervertretung der Frauen durch die ältere Generation geprägt. Über die zwei letzten Jahre hat sich der Gender Gap dabei reduziert. Im westschweizer Kanton Neuenburg ist der Gender Gap kleiner und zeigt sich verstärkt erst ab 70 Jahre. Gerade jüngere Frauen sind eher zur Partizipation bereit, so ist die Stimmbeteiligung bei der Masseneinwanderungsinitiative der 18- bis 19-jährigen mehr als neun Prozent höher als die der gleichaltrigen Männer. Sowohl in Luzern als auch in Neuenburg zeigt sich die Tendenz eines abnehmenden Gender Gaps, wobei jüngere Generationen durch diesen Unterschied nicht mehr geprägt sind.

Woher kommt der Gender Gap?

Der Kanton Neuenburg hat das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene bereits 1959 eingeführt, während der Kanton Luzern erst im Jahr 1970 nachgezogen hat (und somit nur ein Jahr vor der Einführung auf Bundesebene). Die ersten Frauen mit kantonalem Stimmrecht sind heute somit 75 respektive 64 Jahre alt, was in etwa jeweils der Generation entspricht, wo sich der Gender Gap akzentuiert. Es kann somit in einem ersten Schritt argumentiert werden, dass diese (ältere) Generation noch unter anderen Wertvorstellungen zur Rolle der Frau im politischen System sozialisiert wurde, während nachfolgende Generationen den Unterschied an der Urne nicht mehr selber miterlebt haben, d.h. die politische Gleichstellung der Geschlechter als gegeben nimmt.

Eine zweite Argumentationsmöglichkeit liegt bei der Betroffenheit. Als Beispiel lässt sich im Kanton Neuenburg beim Versuch der Abschaffung der Wehrpflicht beobachten, dass Frauen seltener teilgenommen haben als Männer. Dies ist kaum erstaunlich, da Männer eher von dieser Vorlage betroffen sind. Auch sind jüngere Stimmberechtigte unter 30 Jahre relativ häufiger an die Urne gegangen. Dieses Muster zeigt auf, dass eine höhere Betroffenheit – die Regelung der Wehrpflicht junger Männer – auch zu einer höheren Beteiligung dieser Gruppen führt. Allerdings kann kaum angenommen oder behauptet werden, dass Männer (fast) immer stärker von den Entscheidungen an der Urne betroffen sind, sodass diese Begründung nur in Ausnahmefällen herangezogen werden kann. Interessanterweise zeigt sich bei den 18- bis 19-Jährigen in der Stadt Luzern und der gleichen Abstimmung das Gegenbeispiel: Frauen haben anteilsmässiger öfters teilgenommen, obwohl sie nicht von der Pflicht betroffen sind.

Wird somit der ersten Argumentation gefolgt, so zeigt sich, dass der Gender Gap sich heute immer noch zeigt und in der Generation mit der relativ höchsten Stimmbeteiligung am akzentuiertesten ist. Diese grösseren Unterschiede dominieren über alle Generationen hinweg, sodass quasi in allen Abstimmungen ein grösserer Anteil der Männer die Entscheide prägen. Allerdings zeigt der bereits geschlossene Gender Gap in jüngeren Generationen, dass dieses am Bild verschwinden ist und in Zukunft eine gleichere Beteiligung zu erwarten ist.

Da dies mein erster Versuch mit d3.js ist, möchte ich euch bitten, mir mitzuteilen, was ihr von dieser Möglichkeit der Datenvisualisierung denkt. Schreibt mir ein Mail. Danke!

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